Eine Faszinationsgeschichte des Leichten

von Georg Vrachliotis.

Der Philosoph Hans Blumenberg stellt in seiner Geistesgeschichte der Technik die Behauptung auf, die „Sphäre der Technizität“[1] leide unter Sprachnot. Neben der ungeheuren Wirkmacht, die man der technisch-wissenschaftlichen Welt häufig uneingeschränkt einräumt, attestiert Blumenberg der Technik auch eine sprachliche Armut, die sich als das intellektuelle Unvermögen zeigt, angemessen über sich selbst sprechen zu können. Während Künstler und Dichter auf ein regelrechtes „Arsenal an Kategorien und Metaphern“[2] zurückgreifen können, um ihren schöpferischen Prozess zu charakterisieren, stünde der technischen Welt selbst keine solch mächtige Sprachlichkeit zur Verfügung. Die Ursache für diese Sprachnot sei allerdings nicht außerhalb, sondern vielmehr innerhalb des technischen Denken selbst zu suchen. Und so kommt Blumenberg zu der feinsinnigen Beobachtung, dass gerade „die Leute, die das Gesicht unserer Welt am stärksten bestimmen, am wenigsten zu sagen wissen, was sie tun“[3]. Leidet das Technische womöglich immer dann unter Sprachnot, wenn es über das plausible, doch einsilbige Argument der Optimierung und Wirtschaftlichkeit nicht hinauskommt? Man mag Blumenberg in diesem Punkt durchaus widersprechen. Doch führt er uns damit auf direktem Wege in die theoretischen Tiefenräume des architektonischen Denkens, in denen sich ein altes intellektuelles Dilemma der Architektur versteckt: sowohl mit der sozialen Imagination des Raumes als auch mit der Operationalität des Technischen gleichermaßen umgehen zu müssen und beide dabei in einem systemischen und zugleich schöpferischen Gleichgewicht zu halten.

Der Designhistoriker Walter Scheiffele hat über dieses Dilemma nun ein Buch vorgelegt. In Das leichte Haus, so der programmatische Titel, erzählt er die Geschichte der Membranarchitektur als eine Faszinationsgeschichte des Konstruktiven. Im Zentrum der Erzählung steht das Gedankenuniversum des Architekten, Künstlers und Theoretikers Siegfried Ebeling (1894–1963). Dessen lange verloren geglaubtes Archivmaterial kam erst jüngst wieder ans Licht. Während den Recherchen zu der 2003 veröffentlichten Untersuchung bauhaus junkers sozialdemokratie, in der er sich dem engen Beziehungsgeflecht von Kunst, Industrie und Politik in den 1920er-Jahren widmete, stieß Scheiffele auch auf den unentdeckten Nachlass von Ebeling, der von der Bauhaus Stiftung Dessau 2009 erworben und von ihm aufgearbeitet wurde.

Ebeling hatte 1926 in dem Buch Der Raum als Membran eine biologisch-kosmologische Theorie über die soziale Wechselwirkung von Raum und Wand veröffentlicht – als „analytisch-kritischer Beitrag zu Fragen zukünftiger Architektur, die über das nackte Bedürfnis hinausgeht“[4]. Ausgehend von der Materialität biologischer Zellhäute verstand Ebeling die Wand in erster Linie nicht als ein tragendes oder trennendes Element, sondern als architektonisches Medium zwischen Innen und Außen, durchlässig für Klima und Kommunikation. Ein solcher Ansatz war ebenso ungewöhnlich wie originell. Ebeling weckte das Interesse sowohl von Ludwig Mies von der Rohe als auch von Walter Gropius. Vom ideologischen Radar der Nachkriegsarchitektur war er allerdings verschwunden. Auch die Kunstgeschichte nahm Ebeling nicht in den heiligen Kanon der Moderne auf. Man kann Scheiffeles Verdienst daher nicht genug hervorheben, sich dieser viel zu wenig gewürdigten Figur der Architektur der Moderne endlich angenommen zu haben. In seiner mit wunderbarem Archivmaterial bebilderten Erzählung verknüpft er die unzähligen Konzepte von Ebeling zu einem historisch differenzierten Narrativ. Scheiffele hat damit die intellektuelle Biographie eines der originellsten Theoretiker der Architektur der Moderne verfasst. Dabei ist ihm ein literarisches Glanzstück gelungen. Scheiffele belässt es allerdings nicht bei einer rein historischen Erzählung, sondern stellt sich der schwierig zu diskutierenden Frage nach dem geistigen Erbe von Ebeling.

Ausgehend von den utopischen Welten von Bruno Taut, Paul Scheerbart und Hermann Finsterlin schlägt Scheiffele einen direkten Bogen zur Architekturforschung der legendären Junkers-Werke, über die technointellektuelle Nachkriegszeit bis in unsere durch ausgeklüngeltes Klima-Engineering hochgerüstete Gegenwart. Die idealistische Suche nach dem Leichten und Temporären hat an Aktualität nicht verloren – im Gegenteil, so ist man mit Blick auf eine stärker ressourcensparende und zugleich mobiler werdende Welt geneigt zu ergänzen. Ein besonderer Genuss sind daher die transkribierten und äußerst aufschlussreichen Gespräche mit Frei Otto, Berthold Burkhard, Jürgen Hennicke, Werner Sobeck und Matthias Schuler von Transsolar. Hier wird deutlich, dass es häufig nicht unbedingt der architektonische Entwurf ist, der nach einer technischen Lösung verlangt. Vielmehr sind es die Formfindungsprozesse, die von den einzelnen Gesetzmäßigkeiten der Leichtbaukonstruktion geleitet werden, Leichtbau also kein reiner Funktionalismus, sondern eine Brücke zur Kunst ist. Und so ist es gewiss kein Zufall, dass Scheiffele seine Erzählung über den Leichtbau mit einem Kapitel über die netzartigen Membranräume des Künstlers Tomás Saraceno schließt – als Erinnerung daran, wie wichtig es ist, immer und immer wieder nach der sozialen Imagination und dem utopischen Potential in der Architektur zu fragen. Mit den Worten von Ebeling: „Es werden Generationen kommen, die über die Pioniere des Gedankens hinwegschreiten werden wie über ausgestopfte Attrappen. Was tut´s? Will man auf Seilen tanzen, muss man Seile ziehn.“[5]

Georg Vrachliotis

Georg Vrachliotis ist Professor für Architekturtheorie und Leiter des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau (saai) am Karlsruher Institut für Technologie. Er kuratiert mit der Wüstenrot Stiftung und in Kooperation mit dem Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) die Ausstellung Frei Otto. Denken in Modellen (November 2016 bis Januar 2017 im ZKM Karlsruhe).

 

Walter Scheiffele: Das leichte Haus. Utopie und Realität der Membranarchitektur, Edition Bauhaus 44
Verlag: Spector Books, Leipzig
2016, 394 Seiten, EURO 48
ISBN 987-3-944669-45-8

 

[1] Hans Blumenberg: Geistesgeschichte der Technik. Aus dem Nachlass herausgegeben von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler. Frankfurt am Main 2009, S. 27ff.

[2] Hans Blumenberg: Wirklichkeiten in denen wir leben: Aufsätze und eine Rede, Stuttgart 1996, S. 60.

[3] Ebd.

[4] Siegfried Ebeling: Der Raum als Membran, Dessau 1926, Einband, ohne Seitenzahl.

[5] Ebd, S. 5

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