Oskar Hansen und die offene Form

von Sara Lusic-Alavanja.

Der Band Open Form – Space Interaction and the Tradition of Oskar Hansen, herausgegeben von Axel Wieder und Florian Zeyfang, stellt die Lehre des polnischen Architekten und Professors für Bildhauerei Oskar Hansen an der Warschauer Akademie zu Beginn der 1970er-Jahre in den Fokus. Bekannt geworden ist Hansen 1959 mit seiner Theorie der „Offenen Form“, die er auf der letzten, vom Team 10 organisierten CIAM in Otterlo präsentierte. Mit dem Konzept war eine Architektur gemeint, die durch ihre Benutzer stets veränderbar ist. Genau zehn Jahre zuvor hatte Hansen, noch als Student, erstmals auf sich aufmerksam gemacht, als er während der CIAM VII in Bergamo öffentlich Kritik an Le Corbusier übte. Schon damals hatte er kritisiert, dass die Moderne nur Objekte schaffe. Als Gegenpol zu einer Architektur, die für ihn als Autorenprodukt damit scheitern musste, Veränderungen des Raumes zuzulassen, entwickelte er die Idee der Offenen Form. Obwohl ihm aus politischen Gründen die Umsetzung seiner Idee im großen Maßstab, dem Masterplan, verwehrt blieb, konnte er als Professor für Bildhauerei an der Warschauer Akademie für Bildende Künste, wo er seit 1955 das Studio für zwei- und dreidimensionales Entwerfen leitete, großen Einfluss ausüben.

Der Einstieg in das Werk Hansens gelingt den Herausgebern über einen Aufsatz von Michał Woliński, der das prekäre Verhältnis von Oskar Hansen zur Doktrin der Kommunistischen Partei Polens analysiert: Während seine architektonischen Konzepte, die sich radikal vom Monumentalismus des sozialistischen Realismus abwandten, in Polen kaum Chancen auf Verwirklichung hatten, sollte bei internationalen Veranstaltungen – im Zeichen der konkurrierenden Systeme – gerade seine avantgardistische Arbeit für die Offenheit des kommunistischen Systems stehen. So entstand unter anderem die HT Structure des Polnischen Pavillons auf der International Fair in Izmir (1956) und in São Paulo (1959), denen sich der Essay von Felicity D. Scott widmet. Mit Oskar Hansen hatte man für die politische Außendarstellung einen Protagonisten gefunden, der durch seinen Auftritt bei den CIAM, durch seine Zeit in Paris im Studio von Pierre Jeanneret und seine Mitarbeit im Team 10 auf internationaler Ebene progressiv wirkte.

Ein Verdienst des Bands von Wieder und Zeyfang besteht darin, dass es den Blick für die Parallelentwicklung von Kunst und Architektur auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs öffnet. Gleichzeitig wird gezeigt, wie etwa Oskar Hansens Beiträge zum Team 10 von Alison Smithson aus der Geschichtsschreibung heraus editiert wurden, und sie somit zumindest zum Teil bewirkte, dass Hansens Werk bis vor wenigen Jahren nur wenig Beachtung fand.

Die hier vorliegende Perspektive zielt nicht nur zeitlich auf das künstlerische und pädagogische Werk Hansens in einem engen Fenster – 1970 benannte Hansen sein Fachgebiet in „Studio für visuelle Strukturen“ um. Auch die Auswahl der beschriebenen Arbeiten eines überschaubaren Kreises von Studenten ist bewusst klein gehalten. Sie zeigen neben dem offensichtlichen Einfluss Hansens auch die Konfrontationen zwischen dem Professor und seinen Studenten. Trotz des eng gesteckten Beobachtungsfeldes wird die Interdisziplinarität, die für seine Schüler zum Hauptanliegen geworden war, thematisch immer wieder aufgegriffen. Als anschauliches Beispiel findet sich das Interview mit dem Künstler Paweł Kwiek – einem ehemaligen Studenten der berühmten Filmakademie in Łódź –, dessen langjährige Zusammenarbeit mit Zofia Kulik – einer Studentin des Studios für visuelle Strukturen – am Lehrstuhl Hansen begann.

Bei Hansen zu studieren konnte bisweilen zu einem mühsamen Unterfangen werden. Ein Beispiel: Kündigte Hansen in einer Übung die Aufgabe an, ein Spiel auf einem Blatt Papier zu entwickeln, verlief dies nicht im Sinne einer vermeintlich spielerischen Willkür. Jeden kleinsten Spielzug der Studenten teilte Hansen in die Kategorien gut und nicht gut, richtig und falsch ein. Mit dieser Strategie wollte er ein übergeordnetes elementares Verständnis für die künstlerische Praxis und die eigene gesellschaftliche Position vermitteln.

Open Form nimmt vor allem die Dokumentation als künstlerische Praxis in den Blick, die sich aus der in Hansens Übungen praktizierten Arbeit an Kommunikations- und Beziehungssystemen entwickelte und zu dieser Zeit für die polnische Kunst und Filmszene von hoher Bedeutung war. Die Einbindung zeitgenössischer Technik war von Anfang an selbstverständlich und so wurde auch die von Zofia Kulik als Wendepunkt in der Lehre Hansens beschriebene Übung Games on Morel’s Hill dokumentiert, die dieser gemeinsam mit seinen Studenten entwickelte. Der pädagogische Aspekt einer vorgegebenen offenen Struktur, sei es architektonischer oder performativer Art, kann dabei erst im Kontext des interagierenden Subjektes aktiv werden. Die dabei entstandenen Kooperationen auf unterschiedlichster Ebene, zwischen den Studenten untereinander oder auch mit Außenstehenden, entwickelten sich aus der Lehre Hansens. Sie vermochten, auch über die von der Theorie der Offenen Form und der von ihr ausgelösten Architekturpraxis hinaus, die Autorenschaft in Frage zu stellen. Dank der präzisen Beschreibungen der performativen Praxis am Studio Hansens bietet Open Form eine detailreiche Innenansicht der polnischen Avantgarde in den 1970er-Jahren.

Sara Lusic-Alavanja

 

Axel Wieder, Florian Zeyfang (Hrsg.): Open Form – Space Interaction and the Tradition of Oskar Hansen
Berlin: Sternberg Press 2014
248 Seiten, EURO 19
Sprachen: Englisch/Deutsch
ISBN 978-3-943365-98-6

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