Zur Ausstellung und Publikationsreihe „Wohnungsfrage“

von Florian Heilmeyer.

Von Oktober bis Dezember 2015 wurde im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) die „Wohnungsfrage“ gestellt. Für die Ausstellung waren vier internationale Architekturbüros eingeladen, gemeinsam mit lokalen Berliner Initiativen Ansätze für neue Wohnformate zu entwickeln. Eine übergreifende Frage lautete, ob sich aus den Erfahrungen und der Protestpraxis der unterschiedlichen sozialen Gruppen und mit der Expertise der Architekten übertragbare, möglichst innovative Wohnmodelle destillieren lassen würden. Dabei diente die Ausstellung nicht nur der Dokumentation und Präsentation, sondern wurde selbst zum Akteur in der Stadt: Die entwickelten Modelle wurden als Aktion, Performance oder wenigstens als Diskussionsveranstaltung jeweils an den Orten des sozialen Protests in Berlin auf- oder vorgestellt.

Der Mieterinitiative Kotti & Co. war Estudio Teddy Cruz (USA) zur Seite gestellt, die Seniorenvereinigung Stille Straße 10 arbeitete mit den Londoner Turner-Prize-Gewinnern Assemble. Das „Kooperative Labor Studierender“ wurde mit japanischen Atelier Bow Wow zusammengebracht und zwei Interessengemeinschaften für Künstler aus Frankfurt und Berlin mit dem belgisch-italienischen Büro Dogma. Die vier von diesen Teams erarbeiteten Wohnformate wurden als skulpturale, begehbare 1:1-Modelle skizzenhaft aus Sperrholz gebaut, in der Ausstellung vorgestellt und vor dem Hintergrund einiger historischer, architektonischer und künstlerischer Fallbeispiele diskutiert: So hingen an den Ausstellungswänden etwa Beiträge zur Kibbuz-Bewegung in Israel, zum sozialistisch-partizipativen Wohnungsbau in Portugal nach der Nelkenrevolution 1974, zu den kubanischen Mikrobrigaden, oder auch künstlerische Arbeiten von Ami Siegel oder Martha Roesler, in denen sie die Gentrifizierungswellen in New York reflektieren. Ein ziemlich breit gestreuter, geschichtsträchtiger und anspruchsvoller Hintergrund also, vor dem sich die neuen Wohnszenarien präsentieren mussten.

Begleitet wurde die Ausstellung von einer zweitägigen Konferenz, einer internationalen Akademie mit öffentlichen Abendvorträgen, politisch-künstlerischen Aktionen in der Stadt und einer insgesamt 11-teiligen Publikationsreihe, die ebenso vielfältig und umfangreich geriet wie das gesamte Projekt, das eher einem Forschungs- als einem Ausstellungsprojekt ähnelte.

Den Kern der Publikationsreihe bilden die Dokumentationen der vier Wohnmodelle. In jedem Buch werden sowohl der programmatische Entwurf der Planer als auch die Initiativen mit ihren Zielen und ihrer Geschichte mal mehr, mal weniger ausführlich vorgestellt. Großartig ist die Geschichte der Stillen Straße aufgeschrieben; geradezu rührend, wie aus den Senioren auf ihre alten Tage noch einmal Revoluzzer und Hausbesetzer wurden, als ihre Begegnungsstätte meistbietend verhökert werden soll. Die Publikation zu dem Projekt von Kotti & Co mit Estudio Teddy Cruz ist sogar zweigeteilt: während der gemeinsame Entwurf eines „mobilen Gecekondu“ und die gemeinsame Arbeit eher knapp erläutert wird (48 Seiten), wird in dem zweiten Band die gesamte Geschichte des Mieterprotestes am Kottbusser Tor seit 2012 auf satten 240 Seiten detailliert und bunt beschrieben. In gewisser Weise ist dieses Team aus Architekt und Initiative getrennte Wege gegangen, und bei der Lektüre ahnt man auch schnell, warum. Ulrike Hamann von Kotti & Co. formuliert gleich zu Beginn des Gesprächs mit den Architekten: „Unsere Lage ist nicht deshalb schlecht, weil die Architektur schlecht wäre. Unsere Wohnungen sind komfortabel und wir möchten dort bleiben. Aber Wohnen hat auch eine ökonomische Dimension, wenn es darum geht, auf einem zunehmend neoliberalen Wohnungsmarkt seine Miete bezahlen zu können. Bei der Wohnungsfrage geht es nie nur um die Wohnungen selbst.“

Was also können Architekten hier überhaupt tun, welche Lösungen können sie entwickeln und inwiefern taugen die Anliegen der Initiativen zur Klärung oder wenigstens zur eindeutigeren Definition der „Wohnungsfrage“? Besonders im Fall von Kotti & Co, aber ähnlich auch bei der Stillen Straße, scheint es, als könnte die Ausstellung im besten Fall zusätzliche Aufmerksamkeit auf die Forderungen der Initiativen lenken – und ihnen etwa helfen, eine solche Publikation zu realisieren, die wiederum dem Protest wohl neue Türen öffnen wird. Das „mobile Gecekondu“ von Teddy Cruz hingegen wird wohl eher ein interessantes theoretisches Projekt bleiben, zumal vor den Sozialwohnungsbauten am Kottbusser Tor ja schon seit 2012 ein „echtes“ Gecekondu steht, dass sich die Mieter aus Fundmaterialien als Versammlungs- und Protestort vor die Tür gebaut haben.

Auch die anderen Bücher zeigen die Probleme der Teams mit ihrem Auftrag zur Kollaboration: Atelier Bow Wows „Urban Forest“ ist eine hübsche Idee, wie leerstehende Hallen mit einer Art mehrstöckigem Wohnregal bestückt werden könnten – aber kann es ein Modell für kostengünstigen, innerstädtischen Wohn- und Arbeitsraum für Studierende sein? Assembles „Teilwohnung“ bietet im Massenwohnungsbau eine Art „extended Wohnzimmer“ an, das vom jeweiligen Wohnungsinhaber oder Mieter privat, gemeinschaftlich oder kommerziell genutzt werden könnte, da es sich von der sauber minimierten Kernwohnung vollständig abtrennen lässt. Besonders originell ist das nicht.

Dogma immerhin bieten mit ihrer „communal villa“ einen räumlich interessanten Entwurf, in dem nicht nur Künstler eine neue Kombination aus Wohnen und Arbeiten einrichten könnten: sie kombinieren diesen mit einer ökonomischen Analyse des Mietshäusersyndikats. Sie kommen so der „Wohnungsfrage“ am nächsten, die sich, folgt man Friedrich Engels’ Analyse, innerhalb des kapitalistischen Finanzsystems ja sowieso nicht lösen lässt, sondern der antikapitalistischen Revolution bedarf. Ihr Buch beinhaltet höchst lesenswerte Texte zur historischen Typologie der Villa und zu den realpolitischen, ökonomischen Bedingungen des Wohnungsbaus, auch wenn ihr Entwurf letztlich von geradezu Ungers’scher Spröde und Unnahbarkeit bleibt, der man unbedingt den Realitätscheck eines realisierten, bewohnten und wahrscheinlich in kürzester Zeit sehr unordentlichen Prototypen wünschen würde. Ließe sich hier – ceterum censeo! – wieder einmal die Forderung nach einer neuen Berliner IBA anschließen?

Im Bezug auf die Publikationsreihe stellt sich eher die Frage, ob man den vier „Modellen“ einen Gefallen getan hat, sie in einzelne Bände aufzuteilen, oder ob sie nicht besser gemeinsam hätten verhandelt werden sollen. Denn je mehr man sich hineinliest, desto verwunderlicher erscheint die nahezu vollständige Abwesenheit der vier Ausstellungskuratoren in gerade diesen Publikationen. Sie haben doch diese Kooperationen mit bestimmten Zielen und Vorstellungen in Gang gesetzt, hätten sie nicht auch für eine übergreifende, kritische Reflektion des gesamten Experiments sorgen müssen? Wäre doch ein übergreifender Blick auf den gesamten Prozess dieses experimentierfreudigen und ambitionierten Projektes sicher wünschenswert und aufschlussreich gewesen: Wie verlief jeweils die Zusammenarbeit zwischen Architekten und Protestlern, welche Schwierigkeiten und welche Überraschungen gab es, was konnte erreicht werden und was nicht? Die Evaluation dieser Fragen als Gesamtbetrachtung hätte den vier doch sehr allgemeinen, abstrakten Modellen wohl deutlich mehr Spannung verliehen. In ihre Einzelbücher gesperrt können sie diese nur schwer entwickeln. Anders herum gesagt: die viereinhalb Bücher behaupten ihre Unabhängigkeit als einzelne Bücher nur, erst in der Gesamtschau erzeugen sie einen vielfach höheren inhaltlichen Mehrwert.

Zur restlichen Publikationsreihe klafft dann eine beträchtliche Lücke. Denn abgesehen von Amie Siegels charmantem Kunstprojekt-Buch Love Letters drehen sich die anderen Bücher um die Untersuchung historischer Projekte und Texte. Da ist die titelgebende, neu kommentierte Ausgabe von Friedrich Engels’ polemischen Aufsätzen zur Wohnungsfrage, die jener 1872 veröffentlichte. Seine Analyse der wirtschaftsstrukturellen Grundlagen der Wohnungsnot der Arbeiterklasse ist nicht nur eine sprachliche Freude, sondern offenbart auch erstaunliche Bezüge zur aktuellen Diskussion gerade in Berlin. (Interessant übrigens das fast zeitgleich gerade eine Neuausgabe von Karl Schefflers „Berlin. Ein Stadtschicksal“ erschienen ist, das nicht nur eine ähnliche sprachliche Freude ist, sondern sich auch sonst als ergänzende Polemik zu Engels ganz wunderbar liest.) Für die Architektenschaft ist Engels’ radikale Ablehnung jeglicher architektonischer oder stadtplanerischer Verbesserungen, die immer nur das eigentliche Problem kaschieren und also die Arbeiterklasse von der notwendigen Revolution abhalten würde, in ihrer fundamentalen Grundsätzlichkeit, ihrer lodernden Überzeugung und revolutionären Kompromisslosigkeit eigentlich ziemlich niederschmetternd.

Das Buch Coop Interieur wirkt hingegen fast wie ein wahnwitziges intellektuelles Experiment. Denn der Gegenstand, der auf immerhin 52 recht textlastigen Seiten verhandelt wird, ist ein einziges, wenn auch legendäres Foto: Hannes Meyer hat es 1926 veröffentlicht, es zeigt eine spartanisch – gleichsam: minimalistisch, modern, flexibel – eingerichtete Zimmerecke, das „Coop Interieur“. Vermutlich gibt es überhaupt nur sehr wenige Bücher, die nur ein einziges Foto behandeln. Gleichwohl genügt dies, um von dem Foto aus in zwei Essays von Pier Vittorio Aureli und Aristide Antonas und einem Interview mit Raquel Franklin eine ganze Welt von Bedeutungen, Interpretationen und Assoziationen zu konstruieren. Das Buch entwickelt eine krimi-ähnliche Qualität, einen Sog, der einen in Bild und Buch gleichermaßen hineinzieht und erst nach der vollständigen Lektüre (etwa drei Stunden inklusive Stutzens, Zurückblätterns und Nochmallesens) wieder ausspuckt, glücklicher und irgendwie erfüllter als zuvor.

Einen ähnlichen Effekt lösen auch die beiden akribisch recherchierten Bücher Das wachsende Haus und Proletarische Bauausstellung aus. Ersteres besteht im Kern aus der vollständigen Wiederveröffentlichung des Beitrags zur Lösung der städtischen Wohnungsfrage, 1932 vom Berliner Stadtbaurat Martin Wagner formuliert. Dieser hatte die prominentesten Vertreter des Neuen Bauens – unter anderem Hans Scharoun, Egon Eiermann, Ludwig Hilberseimer, Hans Poelzig, Hugo Häring, Max und Bruno Taut – eingeladen, je einen Entwurf für ein „Antikrisenhaus“ anzufertigen – ein Haus, das zunächst nur das Minimum bieten, dann aber den sozio-ökonomischen Verhältnissen seiner Besitzer entsprechend ausbaufähig sein sollte. In seinem „Vorwort“ entwirft er dazu eine neue Bauindustrie, ein neues Verständnis des Architektenberufs sowie eine andere Wirtschaft mit neuen Finanzierungsformen und einer Aufhebung des Grundeigentums. Von der bevorstehenden Architekturbiennale in Venedig unter Alejandro Aravena könnte man sich kaum mehr erwarten.

Auch das andere Buch widmet sich der Aufarbeitung und aktuellen Kommentierung eines einzelnen historischen Projekts: Die Proletarische Bau-Ausstellung wurde 1931 vom „Kollektiv für sozialistisches Bauen“ um Arthur Korn in einem Kreuzberger Hinterhof organisiert. Als Kritik an der parallel stattfindenden Deutschen Bauausstellung ins Leben gerufen, wurden hier vor allem die katastrophalen Wohnbedingungen in den Städten und die Architektur im Allgemeinen als Herrschaftsinstrument zur Absicherung bestehender Machtverhältnisse thematisiert. Ganz im Engels’schen Sinne wurde hier die Wohnungskrise im kapitalistischen System als unlösbar bewertet und stattdessen Planungen aus der Sowjetunion gezeigt. Das Buch kombiniert die wenigen erhaltenen Originaldokumente um diese Ausstellung mit etlichen neuen Essays zur Forschung über einzelne Personen des „Kollektivs“, zur Einordnung des Konflikts zwischen revolutionären und bürgerlichen Architekten oder auch über das Verhältnis der (architektonischen) Moderne zur Weltpolitik.

Was ist also insgesamt zu sagen? Die elf Bände zur „Wohnungsfrage“ ergeben kein einheitliches, schon gar kein kohärentes Bild. Würde man sich von einer Gesamtausgabe doch vielleicht eine relativ stringente Argumentation erwarten, so ist dies hier eher eine fröhlich-beliebige Kollektion mit Neubetrachtungen antikapitalistisch-revolutionärer Beiträge (Engels, Meyer, Korn, Wagner) der frühen Moderne einerseits und der Präsentation der vier neuen Wohnmodelle andererseits. Der mit dem vielversprechenden Titel Housing After the Neoliberal Turn lockende, mutmaßlich alles vereinende Band fällt letztlich zu dünn aus, um die beiden Pole zu verbinden. Und wäre es denn bei der „Wohnungsfrage“ nicht unerlässlich gewesen, auch auf den seit 100 Jahren laufenden sozialen Wohnungsbau in Wien zu verweisen, auf die Genossenschaftsbauten in der Schweiz oder sich kritisch mit den derzeit in Berlin so populären Baugruppen zu beschäftigen? So wie die vier Wohnmodelle eine übergreifende Moderation, Einführung und Reflektion verdient gehabt hätten, so hätte das auch der gesamten Publikationsreihe an irgendeiner Stelle geholfen. Letztlich bleiben die 11 Bücher eher einzelne Fragmente als eine Reihe; Fragmente, die aber etliche grandiose Texte, Gedanke und Projekte beinhalten, und die genug Reibung und Verbindung miteinander zulassen, sodass der mündige Leser sich daraus vielleicht selbst ein paar Antworten auf die große „Wohnungsfrage“ schnitzen kann. Ach, und vielleicht ist das am Ende sogar besser und dem Thema angemessener als eine präzise ausgewählte und völlig nachvollziehbare Publikationsreihe. Viel Spaß bei der Lektüre.

Florian Heilmeyer

 

Jesko Fezer, Christian Hiller, Nikolaus Hirsch, Wilfried Kuehn, Hila Peleg (Hrsg.): Wohnungsfrage [Gesamtausgabe]
Martin Wagner: Das wachsende Haus /// Hannes Meyer: Co-op Interieur /// Friedrich Engels: Zur Wohnungsfrage /// Kollektiv für sozialistisches Bauen: Proletarische Bauausstellung /// Amie Siegel: Bed-Stuy /// Housing after the Neoliberal Turn /// Kotti & Co + Estudio Teddy Cruz with Fonna Forman /// Stille Straße + Assemble /// Kooperatives Labor Studierender + Atelier Bow-Wow /// Realism Working Group + Dogma /// Wohnungsfrage Ausstellungsführer
Leipzig/Berlin: Spector Books/Haus der Kulturen der Welt
2015, 11 Publikationen, EURO 160
ISBN 978-3-95905-056-2

Alle Publikationen sind auch einzeln erhältlich.

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